"Darkness-Induced Audience Apathy" vermeiden
Swantje Niemann • 18. Oktober 2020

Bild: Pexels auf Pixabay
Wer meinem Blog seit einer Weile folgt, weiß, dass ich düstere Phantastik
mag, die auch mal zynischere Perspektiven auf das Leben erkundet, und auch in die Bücher, die ich selbst schreibe, schleichen sich Themen wie psychische Krankheiten, Gewalt oder der Umgang mit einer Welt, deren Strukturen und Wertesysteme es dir sehr, sehr schwer machen, ein guter Mensch zu sein. Okay, sie treten eher die Tür ein, als dass sie schleichen. Daran ist meiner Meinung nach auch nichts auszusetzen, insbesondere, wenn das Publikum eine Idee hat, was es erwartet. Aber es ist auch eine Sorte Literatur, die mit ihren ganz eigenen Herausforderungen einhergeht.
Eine davon ist es, zu vermeiden, was TV Tropes „Darkness-Induced audience apathy“
nennt – die Gleichgültigkeit des Publikums gegenüber der Handlung, hervorgerufen davon, dass sämtliche Figuren unsympathisch sind und kein möglicher Ausgang des Geschehens erstrebenswert erscheint. Hinzu kommt noch die mentale Distanz, die Lesende unwillkürlich zwischen sich und Figuren schaffen, für die es allzu offensichtlich kein gutes Ende geben wird. Die Toleranz für unsympathische Protagonist*innen und trostlose Welten ist von Leser*in zu Leser*in verschieden, aber irgendwann ist sie bei den meisten Menschen erschöpft.
Wie schaffen es Schreibende also, Bücher über gnadenlose Welten und deprimierende Ereignisse zu schreiben, ohne dass Lesende diese augenverdrehend weglegen? Ich habe schon darüber geschrieben, was Antiheld*innen
für Lesende attraktiv macht, aber zusätzlich kommt hier eine kleine Liste der Tricks, welche die Autor*innen verschiedener Bücher sehr erfolgreich angewendet haben, um Lesende für Geschichten voller Trauma und Verlust zu begeistern. Es sind Zutaten, die den meisten Büchern guttun, aber sie werden hier noch einmal besonders relevant.
1. Sympathische Hauptfiguren
Nicht jedes Buch braucht eine sympathische Hauptfigur mit positiven Beziehungen zu anderen Figuren, aber gerade, wenn der Rest des Buches eher deprimierend ist, sind solche Figuren eine willkommene Abwechslung. Peter Newmans „Vagrant“-Trilogie lebt von dem Kontrast zwischen einer von Dämonen überrannten Welt und verblüffend idealistischen Figuren, die einander mit Vertrauen und Mitgefühl begegnen. Auch Vakov, der Protagonist von Jeremy Szals „Stormblood“, ist nicht annähernd so verbittert, wie man es von einem Mann in seiner Situation (ein ehemaliger Elite-Soldat, der gegen seine Abhängigkeit von einer Alien-Kampfdroge kämpft) erwarten würde, sondern lässt sich auf Beziehungen ein und gibt Menschen zweite Chancen. Nora Bendzkos düstere Rumpelstilzchen-Adaption „Kindsräuber“ lässt diverse Figuren mit dunklen Geheimnissen auftreten, aber stellt ihnen eine durch und durch positiv gezeichnete Protagonistin, eben eine klassische Märchenheldin, gegenüber. Gelegentlich reichen auch schon kleine Momente. Gareth Hanrahans „The Gutter Prayer“
zeichnet seine Hauptfiguren zu Beginn als sehr auf ihr eigenes Überleben fixiert und von den Ereignissen mitgerissen, aber es gibt einen sehr einprägsamen Moment, in dem eine Figur einer anderen hilft, obwohl es ihr selbst zum Nachteil gereicht. Und vor allem gibt es eine klare Figurenentwicklung.
2. Humor
Humor und eine leicht distanzierte Erzählweise nehmen den erschütterndsten Ereignissen oft einiges von ihrer Schärfe. Sebastian de Castell stellt in seinen „Greatcoats“-Romanen eine humorvoll-selbstironische Erzählstimme, Running Gags und den freundschaftlichen Hickhack zwischen dem zentralen Figurentrio dem Fakt gegenüber, dass der Protagonist und Ich-Erzähler von einer traumatischen Erfahrung in die nächste rennt.
3. Bewusster Bruch der Immersion
Sehr einprägsam und aktiv, aber eher nicht im klassischen Sinne sympathisch ist das Figurenensemble von Joe Abercrombies „Best Served Cold“/ „Racheklingen“. Auch hier arbeitet der Autor viel mit Humor, aber auch mit viel mit literarischen Stilmitteln wie Wiederholung, sprachlichen Manierismen, extrem geschliffenen Dialogen und großen und kleinen Momenten gemeiner Ironie im Plot, die Lesende daran erinnern, dass sie gerade ein Buch lesen. Hinzu kommt, dass die Figuren einfach sehr unterhaltsam sind.
4. Offene Fragen
Der ungewöhnliche Schreibstil - es wird in nicht nur in der dritten, sondern auch in der zweiten Situation erwähnt - macht auch einen Teil der Faszination von N.K. Jemisins „The Fifth Season“/ „Zerissene Erde“ aus. Ein weiterer Grund, wieso Lesende „Zerissene Erde“ nicht weglegen konnten, waren die vielen Fragen, die das Buch aufwarf: Okay, die Welt geht unter. Aber warum? Und was hat es mit der ungewöhnlichen Erzählsituation eines der drei Erzählstränge auf sich?
Auch „The Gutter Prayer“ wird von den spannenden offenen Fragen, welche die ersten Kapitel aufwerfen, über die Zeit hinweggetragen, bis die Figuren wirklich greifbar werden.
5. Agency
Hilflosigkeit und Passivität mögen realistische Charakterzüge sein, aber es sind welche, die Lesende Hauptfiguren eher selten verzeihen. Wenn die Welt schon deprimierend ist, dann sollte die Hauptfigur eine reale Chance haben, sie zu verbessern – oder auch nur ein kleines Stück Welt in ihrem Sinne zu verändern, unabhängig davon, was das jetzt für andere Menschen bedeutet. Monza Murcatto aus „Racheklingen“ ist unter anderem deshalb eine spannende Protagonistin, weil sie ein klares Ziel hat und Dinge in Bewegung setzt. Das gleiche gilt auch für die Figuren aus China Miévilles „Perdido Street Station“
– sie sind mit einer übermächtigen Bedrohung konfrontiert, aber sie schmieden Pläne und finden nach und nach heraus, was sie dagegen tun können. Wenn die Figuren Ziele und ihre Entscheidungen Gewicht haben, ist es viel leichter, eine mitreißende Geschichte zu erzählen. Auch weckt jede Art von Charakterentwicklung erstmal Interesse.
6. Sense of Wonder
Einer der Gründe, wieso Lesende „Perdido Street Station“ bis zum letzten gemeinen Plottwist treu bleiben, ist meiner Meinung nach das Worldbuilding: Der Roman entwirft das Panorama einer chaotischen Industriestadt voller magischer Wesen, miteinander streitender Fraktionen und dunkler Geheimnisse, die gleichermaßen abgedreht und glaubwürdig ist. Die Faszination für diesen eindrucksvoll geschilderten Ort gleicht den eher langsamen Einstieg in den eigentlichen Konflikt aus. Auch der Schauplatz von „The Gutter Prayer“ weiß mit gefährlichen alten Götter, unheimlicher Alchemie und einer ganz eigenen Ästhetik zu faszinieren. Das gleiche gilt für Compass, die mehretagige Weltraumstadt, in der „Stormblood“ spielt und die Rückblenden, die Lesenden den Planeten New Vladivostok zeigen: Schneelandschaften, Raumschiffe und die Weite des Weltraums regen zum Staunen an.
7. Kleine entspannte Momente
Noch gelungener als die großen, beeindruckenden Dinge sind die schönen, kleinen Details in „Stormblood“, die sich noch besser als die großen Science-Fiction-Panoramen eignen, um die blutigen Ereignisse des Romans auszugleichen, weil sie persönlicher sind, mehr Identifikationspotenzial haben und auch mehr Sinne ansprechen. (Letzteres passt zu dem starken Fokus auf Sinneserfahrung und dem immer wieder beleuchteten Verhältnis des Protagonisten zum eigenen, technologisch veränderten Körper). Jeremy Szal hat die sehr kluge Entscheidung getroffen, Vakov gelegentlich eine Pause in einem Swimmingpool oder bei einem großen Frühstück zu gönnen.
Düstere Geschichten mit unsympathischen Figuren und einem ungnädigen Schicksal gelegentlich durch positive Interaktionen oder schöne Seiten der geschilderten Welt aufzulockern – selbst wenn es nur kurze, trügerische Momente sind –, trägt auch dazu bei, Abwechslung, aber auch etwas mehr Tiefe und meiner Meinung nach auch Realismus in die Geschichte zu bringen. Den meisten Menschen präsentieren sich Welt und Menschheit nicht als uniform gut oder schlecht, und Literatur kann das gerne wiederspiegeln.

Ich habe dieses Jahr wieder angefangen, vorsichtig wieder meine Zehen in die Autor*innen-Bubble zu tauchen – mit einem neuen Manuskript, das ich gerade fürs Lektorat überarbeite, aber auch mit einer unerwarteten Einladung. Eleanor Bardilac fragte mich, ob ich nicht zusammen mit Laura Dümpelfeld bei der MetropolCon/EuroCon dieses Jahr ein Panel zu feministischem Horror machen wollte. Natürlich habe ich zugesagt. Und natürlich stand für mich nach einem Blick aufs Programm fest, dass ich an allen vier Messetagen teilnehmen musste. Eine gute Entscheidung, denn ich habe viele spannende Vorträge und Panels mitgenommen. Es ging zum Beispiel um: Comics als Mittel für Wissenschaftskommunikation (Julie Nováková) Entwicklungen in der deutschen Verlags- und Veröffentlichungslandschaft (Andy Hahnemann, Brandon Q. Morris, Hannes Riffel, Jacqueline Wagner) Science-Fiction und Ideen für postkapitalistische Zukünfte (Theresa Hannig, Laura Horn, Ali Riza Taşkale, Andrea Vetter) Tod und Plot-Tabus - überraschenderweise mit einem netten Mini-Exkurs über die konfessionelle Prägung verschiedener europäischer Länder und daraus resultierender Einstellungen zu Tabus und Zensur (Johan Anglemark, Jean Bürlesk, Bernhard Hennen, Charles Stross, Eddie van Dijk) Einen Comic, der Lovecraft aufgreift, aber mit indischer Geschichte und Mythologie zusammenbringt (Jai Undurti) Moderne Mythologie-Adaptionen (Eleanor Bardilac, Ruth Frances, LongLinda Šejić, Stjepan Šejić) Anregungen aus Geschichte und Gegenwart, um überzeugende Fantasy-Städte zu schreiben (Eleanor Bardilac, Rafaela Creydt) Dass sehr internationale Sprecher*innen-Line-Up war eine große Bereicherung. Mein eigenes Panel lief gut und hat mich gleichzeitig mit dem Gefühl zurückgelassen, nur an der Oberfläche des Themas gekratzt zu haben. Ein weites Highlight waren die Gespräche mit den Leuten, denen ich zwischen den Panels über den Weg gelaufen sind. Ich habe mich zum Beispiel sehr gefreut, Eva Bergschneider - meine allererste Rezensentin - wiederzusehen.

Trotz mehr Doomscrolling, als ich zugeben möchte, habe ich dieses Jahr eine Menge Bücher gelesen, und natürlich sind in der zweiten Jahreshälfte auch einige neue Entdeckungen dazugekommen. Eine davon ist keine Überraschung. Ich war bereits Anfang des Jahres ein großer Fan von Adrian Tchaikovskys „City of Last Chances“ und habe kürzlich auch die Fortsetzung, „House of Open Wounds“ gelesen. In diesem Buch verschlägt es den Pazifisten und Gottschmuggler Jasnic ausgerechnet an die Front eines Krieges, wo er im experimentellen Feldlazarett auf allerlei exzentrische Gestalten trifft. Das Leseerlebnis wird lange mehr vom originellen Worldbuilding und den präzisen Formulierungen als dem Gefühl eines auf ein Ziel zustrebenden Plots getragen. Aber unmerklich sammeln die Figuren die „Zutaten“ für ein sehr befriedigendes Ende. Es gibt wieder viel ironische Distanz, Situationskomik und Bürokratiesatire, aber auch Momente, in denen das Gewicht der Dinge, die den Figuren passieren, sehr deutlich wird. Ich musste ein wenig an die Scheibenweltbücher denken. Wenn es in dieser Qualität weitergeht, wird die „Tyrant Philosophers“-Reihe sicher einer meiner absoluten Favoriten. Weil mich „City of Last Chances” und “House of Open Wounds” so beeindruckt haben habe ich mir auch „Children of Time“ heruntergeladen – das Buch, das, soweit ich das mitbekommen habe, Tchaikovskys Bekanntheit begründet hat. Und ich kann absolut sehen, warum. Stilistisch schlichter als die „Tyrant Philosophers“-Bücher, lebt der Roman von seinem ehrgeizigen Konzept und der Erkundung der menschlichen Natur, die es ermöglicht. Hier folgen wir zwei Plot-Strängen: Einem Generationenschiff mit den letzten Überlebenden der Menschheit auf der Suche nach einem neuen Zuhause und intelligenten Spinnen, die Generation für Generation eine Zivilisation entwickeln. Der Vergleich mit den Spinnen und ihrer parallelen, aber grundlegend verschiedenen Evolution lädt zu einer Außenperspektive auf Menschen ein und zum Nachdenken darüber, was uns ausmacht und in welche Richtungen wir uns entwickeln können. Eine weitere Fortsetzung, die ich gelesen habe, ist „A Drop of Corruption“ von Robert Jackson Bennett – ein Fantasy-Krimi in einer Welt, deren fantastische Ökologie viel von der Gesellschaft und dem Plot diktiert. Das Buch zeigt eine weitere merkwürdige, bildgewaltige Ecke dieser Welt und verbindet typische Themen und Motive verschiedener Subgenres zu einem befriedigenden Ganzen wie schon der Vorgänger, „The Tainted Cup“. Ich war auch sehr froh, „The Tainted Cup“ übersetzt in den Buchläden zu sehen. Ein 99-Cent-Spontankauf, der sich als echter Glücksgriff erwiesen hat, war „James“ von Percival Everett. Das Retelling von Tom Sawyer aus der Perspektive des versklavten Jim/James funktioniert auch ohne gute Kenntnisse der Vorlage. Es verbindet eine abenteuerliche, von dramatischen, aber auch absurden Situationen durchzogene Handlung mit einer tieferen Auseinandersetzung mit Sprache und Identität. James' Selbstbehauptung ist unglaublich befriedigend zu lesen. Apropos Sprache: Diese, kombiniert mit viel Humor, Mitgefühl und Idealismus, macht Saša Stanišić „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck dargestellt wird“ zu einem echten Must-Read. Die Sammlung von Reden verbindet verspielte Sprache mit aufrichtigen Appellen an das Publikum. 2025 ist ein relativ typisches Jahr darin, dass meine Lesehighlights zum Großteil Speculative Fiction und Sachbücher sind. In letztere Kategorie gehört „Digitaler Kolonialismus“ von Ingo Dachwitz und Sven Hilbig, ein Buch, das mir einiges über die menschlichen und materiellen Grundlagen unserer gegenwärtigen technologischen Umwelt beigebracht hat und das sehr zu Recht die Frage aufwirft, wer dafür ausgebeutet wird und wem digitale Technologien nutzen. Es geht um Überwachung, um die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen und die Schaffung neuer Abhängigkeiten, und das Buch zeigt auch Deutschlands Verwicklung in das Ganze und Kontinuitäten von vergangenem Kolonialismus zur Gegenwart auf. Ebenfalls sehr spannend war „How Tyrants Fall“ von Marcel Dirsus. Darin schaut sich der Autor verschiedene Diktatoren der letzten Jahrzehnte an. Er zeigt an vielen Beispielen die Balanceakte hinter deren Machterhalt, aber auch die Schwierigkeiten, eine solche Regierung zu stürzen und durch etwas Besseres zu ersetzen. Trotz des teilweisen sehr düsteren Inhalts ist das Buch sehr unterhaltsam und informativ zu lesen. Das Mammutbuch „Frühling der Revolution“ von Christopher Clark habe ich vor allem zu Recherchezwecken gehört, weil ich gerade ein von dieser Epoche inspiriertes Manuskript überarbeite. Aber die Betrachtung von den teilweise verflochtenen Revolutionen in ganz Europa rund um 1848 hätte mich auch so mitgerissen. Das Buch betrachtet diese unter verschiedenen Blickwinkeln und zeigt die ganze Komplexität auf, weil es damals eine Vielzahl von Konfliktlinien gab. Es entsteht ein farbenprächtiges, vielschichtiges Portrait einer Epoche, in der sich die Konflikte rund um Nation, Religion, politische Teilhabe, Klasse und vieles mehr überschneiden und verschränken. Ich habe dieses Jahr auch wieder mehr Horror und Gothic Novels gelesen, oft mit einer feministischen Perspektive. Johanna van Veens moderne Interpretationen des Genres wie zum Beispiel „Blood on Her Tongue“ mit seiner absolut beklemmenden Atmosphäre, Female Rage und einer originellen Interpretation von Vampiren haben sich mir sehr eingeprägt. Da ich die Inspiration sehr mag, fand ich auch Kris Waldherrs „Unnatural Creatures“ , einen Roman über die Frauenfiguren in Mary Shelleys „Frankenstein“ sehr spannend – auch, weil einer meiner Kritikpunkte am Original war, dass diese im Vergleich zu anderen Figuren sehr blass wirkten. Aus diesem Jahr nehme ich tatsächlich den Vorsatz mit, weniger zu lesen und ein bisschen der Buch-Fomo zu widerstehen. Dank Libby-App und günstigen E-Books füllt sich mein virtueller Stapel ungelesener Bücher sehr schnell und ich neige etwas dazu, durch Bücher zu hetzen, weil ich einfach alles lesen möchte, was mich interessiert. Einer meiner Neujahrsvorsätze ist also, nach Möglichkeit nur ein Buch auf einmal zu lesen, und zu schauen, wie das mein Leseerlebnis beeinflusst.

Ich habe in den letzten Monaten nicht nur eine Menge interessanter Romane gelesen, sondern auch spannende, informative Sachbücher für mich entdeckt. Hier ist eine Auswahl: Outlaw Ocean von Ian Urbina ist aus einer Sammlung von investigativen Recherchen hervorgegangen, die sich alle um das Meer drehen. Ian Urbina erforscht, wie verschiedenste Personen und Unternehmen für sich ausnutzen, dass sie sich auf internationalen Gewässern leicht rechtlichen Einschränkungen und Kontrollen entziehen können. Er verfolgt unter anderem mit Umweltschützer:innen illegale Fischereischiffe, forscht moderner Sklaverei auf den Meeren nach und erzählt die Geschichten blinder Passagiere. Outlaw Ocean ist ein fesselndes Buch, das ein Schlaglicht auf die Ausbeutung von Menschen und Natur auf den Meeren wirft und auch spannende Einblicke in die Arbeitsweise und Erfahrungen des Autors als investigativer Journalist gibt. Das Klimabuch , herausgegeben von Greta Thunberg, ist eine Sammlung von Artikeln, die den Klimawandel, dessen Hintergründe und mögliche Gegenmaßnahmen aus vielen verschiedenen Perspektiven erklären. Darunter sind zugängliche Erklärungen der physikalischen, ökologischen und meteorologischen Verflechtungen, vor deren Hintergrund erst klar wird, was für ein großes Problem der Klimawandel ist. Die Texte sind gut ausgesucht und werden von Fotos und hilfreichen Grafiken begleitet. Viele von ihnen stammen von Menschen, für die die Klimakrise nicht länger eine nebulöse Bedrohung in der Zukunft, sondern längst angekommen ist. Auch in Fen, Bog and Swamp von Annie Proulx geht es unter anderem um das Klima – genauer gesagt, um die Rolle, die Moore, Sümpfe und Fenns für dieses und für Artenvielfalt spielen. Das Buch ist eine ebenso poetische wie für die relevante Geschichte von Feuchtgebieten und deren Rezeption und Zerstörung durch Menschen. In Klassenbeste analysiert Marlen Hobrack anhand der Geschichte ihrer Familie – vor allem der ihrer Mutter, aber auch ihrer Großmutter und ihrer eigenen –, was es für sie bedeutet hat und bedeutet, Frau, Arbeiterin, Ostdeutsche und Mütter zu sein. Sie nimmt dabei mit Frauen aus der Arbeiterklasse eine Kategorie in den Fokus, die jeweils in Diskursen über Geschlecht und über Klasse häufig ausgeblendet wird. Das Buch bietet auf kleinem Raum viele Infos und auch konkrete Handlungsaufforderungen. Mythos Bildung von Aladin El-Mafaalani bietet ebenfalls eine hohe Dichte von Informationen und ist dabei sehr zugänglich geschrieben. Es handelt sich um eine soziologische Analyse der Bildungslandschaft in Deutschland, in welcher der Begriff des Habitus eine Schlüsselrolle spielt. El-Mafaalani analysiert, ob und zu welchen Bedingungen ein gesellschaftlicher Aufstieg möglich ist und zeigt auf, dass es eine starke Bildungsexpansion gegeben hat, dass also alle gebildeter werden, aber dass sich dabei auch Ungleichheiten vergrößert haben. Die Lösungsvorschläge, die er für Ungleichheiten im Bildungssystem macht, haben meiner Meinung nach eine gute Balance aus Ehrgeiz und Pragmatismus.







